Industriegesellschaft 2.0

Das Deutschland stabil durch die Finanzkrise gekommen ist und unsere Wirtschaft wieder Fahrt aufgenommen hat, wird von vielen als „German Wunder“ bezeichnet. In Wahrheit ist dies gar kein Wunder, sondern ein Fakt, der darauf fußt, dass wir im Gegensatz zu vielen europäischen Nachbarn stabile industrielle Kerne haben, die das Rückgrat unserer Wirtschaft bilden und eben nicht nur auf die oft gepriesenen Finanz,-und Dienstleistungen setzen.

Nachhaltige Wertschöpfung findet in der Realwirtschaft statt und ist daher robuster gegenüber derartigen Aus,- und Einschlägen als die teilweise nur virtuell existierende Dienstleistungs,-und Finanzwirtschaft. Diese Kerne gilt es zu schützen, denn niemand sollte sich den Ast absägen, auf dem er sitzt. Hierfür eine neue Sensibilität zu schaffen ist im Zeichen einer neuen „Dagegen - Kultur“  und in Zeiten eines immer stärker umsichgreifenden „St.Florians“ Prinzips eine schwierige und herausfordernde Aufgabenstellung, der wir uns gemeinschaftlich stellen müssen.   

Egal ob Biogasanlage, Kohlekraftwerk oder Bahnhofsumbau - vor der eigenen Haustür soll nichts gebaut oder verändert werden.  Mit dieser Einstellung hätte Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg nicht die Entwicklung genommen, die letztlich zu mehr Wohlstand für  alle geführt hat. Auch in einem Land wie Deutschland, dass über ein unglaublich hohes Wohlstandsniveau verfügt, gibt es Armut, gibt es soziale und gesellschaftliche Problemfelder, gibt es Sorgen um die Zukunftsfähigkeit unseres Sozialstaates und Ängste um die Zukunft der eigenen Existenz, doch ohne eine leistungsstarke Industrie, mit hoher Innovation und gut bezahlten Arbeitsplätzen als Basis, werden wir die anderen drängenden Fragen unserer Zeit nicht beantworten können. So wie ein Bauer die Kuh, die er melken will, nicht schlachtet, so kann eine Nation wie Deutschland ihre Industrie nicht verschmähen, von der letztlich Staat und Gesellschaft leben. Wir als Christlich-Soziale erheben den Anspruch, die Herausforderungen, die sich durch Globalisierung und Umweltbelastungen ergeben, anzugehen. Wir stehen weder für ein blindes „weiter so“, noch für eine Kehrtwendung ins Extreme.

1.   Bekenntnis zur Industrie und Großprojekten

Seit Jahrzehnten wird das Thema Industrie nur mir negativem Vorzeichen debattiert und oftmals als Wurzel für die Probleme von Natur und Menschheit gebrandmarkt.Industrieelle Gebäude verschandelten die Umwelt und begrenzten den Lebensraum von Menschen. Die „postindustrielle Gesellschaft“ wird postuliert, ohne Dienstleistungen als Mantra der Zukunft kritisch zu hinterfragen. Verknüpft wurde diese Debatte von führenden Köpfen mit dem Versprechen einer neuen Freiheit, wenn die Deregulierung von Märkten und Arbeitswelt endlich vollzogen sei. Andere zeigten von der ökologischen Seite her auf die Industrie mit dem Finger: Die saubere Umwelt wird es nur ohne Industrie geben oder gar nicht, lautete deren These. Wir brauchen eine positive Sicht von Industrie, um die sozialen und ökologischen Herausforderungen der kommenden Jahre bewältigen zu könnenund dies unter Einbindung aller Beteiligten. Industrie hilft bei der Lösung der gesellschaftlichen Probleme: saubere Natur, gute Arbeit für jedermann, Wohlstand für alle.  

 

a)      Die vom Bundestag Ende 2010 eingesetzte Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität - Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft“ sollte dazu beitragen, auch einen neuen Blick auf die industrielle Produktion zu werfen. Die Kommission sollte in einem sachlichen Diskurs mit dazu beitragen, die Industrie aus der gesellschaftlichen Schmuddelecke herauszuholen.

 

b)      Die Volkspartei CDU und die CDA Deutschlands sollten die Arbeit dieser Kommission aktiv begleiten und dabei industriepolitische Themen in den Vordergrund rücken wie beispielweise die Ansiedlung von Industrieanlagen, den Themenkomplex industrienahe Forschung oder Fragen von Chancen und Risiken innovativer Produkte.

 

c)      Die Gewerkschaften sollten die Arbeit ebenfalls aktiv begleiten und diese dazu nutzen, ihr Verständnis von gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Fortschritt neu zu schärfen. Nachhaltige Entwicklung kann dabei nur entstehen, wenn Strukturen und Mechanismen gefunden werden, die dazu beitragen, die miteinander „kommunizierenden Röhren“ mit den Bezeichnungen „sozial“, „ökologisch“ und „wirtschaftlich“ immer wieder zum Ausgleich zu bringen. Keine ist den anderen übergeordnet. Gerade dies macht Nachhaltigkeit so schwierig, aber auch so wirksam. 

 

 

2.   Belastungen für Mensch und Umwelt reduzieren

 

      Gute Arbeit - das ist ein Anspruch an industrielle Arbeit, der nur teilweise erfüllt wird.. Auch wenn im industriellen Sektor prekäre Beschäftigung eher die Außnahme als die Regel ist, betrachten wir die Entwicklung in einigen Bereichen mit großer Sorge. Auch hier wird das Normalarbeitsverhältnis immer mehr unter Druck gesetzt. Befristete Arbeitsverträge sind bei Neueinstellungen schon fast die Regel. Leiharbeit wird immer häufiger genutzt, um Stammarbeitskräfte zu ersetzen. Alter(n)sgerechte Arbeitsplätze sind noch zu selten anzutreffen. Fast ausschließlich müssen sich nach wie vor die Menschen dem Takt der Maschinen anpassen, statt dass der Biorhythmus den Schichtplan bestimmt. Hetze und Hektik bestimmen den Arbeitsalltag. Psychische Belastungen nehmen zu mit der Folge, dass immer mehr Menschen aufgrund seelischer Erkrankungen vorzeitig in den Ruhestand treten. Wir brauchen eine Offensive für „Gute Arbeit“. Die vielen schon vorhandenen guten Beispiele müssen ausgebaut und unter dem Leitmotiv „Gute Arbeit“ gebündelt werden. Die Bundesregierung soll ein Maßnahmebündel schnüren und ein Programm „Gute Arbeit 2015“ vorlegen, mit dem eine menschlichere Arbeitswelt angestrebt wird. Anknüpfen sollte dieses Paket sowohl an die Aktivitäten in den 70ger Jahren des vorigen Jahrhunderts unter dem Titel „Humanisierung der Arbeitswelt“ als auch an die „Initiative Neue Qualität der Arbeit“.

 

Gute Produkte - dieses Markenzeichen unserer Wirtschaft gilt es auszubauen und abzusichern. Zum Einen ist die Rohstoffversorgung im Blick zu behalten. Ohne Rohstoffe können keine Produkte entstehen. Und für moderne Güter sind häufig seltene Rohstoffe notwendig. Von daher sind sowohl die Rohstoffgewinnung als auch deren Rückgewinnung aus Abfall zuerst neu auszurichten. Hierbei ist Europa als ein gemeinsamer Wirtschaftsaum von entscheidender Bedeutung. Erst an zweiter Stelle steht die Sicherung der Rohstoffversorgung durch internationale Verträge. Die Rohstoffpolitik der nächsten Jahre ist für die Zukunft der wirtschaftlichen Entwicklung von großem Gewicht. Deshalb sind Raubbau und Spekulation gleichermaßen zu bekämpfen. Hierzu gehört auch ein kritischer Umgang mit nachwachsenden Rohstoffen. Genauso wichtig ist aber auch, Forschung und Entwicklung für die Erstellung neuer oder die Verbesserung alter Produkte intensiv zu nutzen. Die heimische Industrie soll Motor der technologischen Entwicklung sein. Dies gilt für alle Branchen - von der Automobil- über die Chemie- bis hin zur Pharmaziebranche. Sicherlich bringen neue Technologien auch Risiken mit sich, doch sollten auch die Chancen betrachtet werden. So wie viele heilende Stoffe bei einer Überdosis tödlich wirken, ist auch bei neuen Technologien eine nüchterne Abschätzung von Chancen und Risiken notwendig. Wenn der Nutzen überwiegt, sollten tragbare Gefahren in Kauf genommen werden.

 

Gute Umwelt- wird es ohne technische Innovationen nicht geben. Eine kohlenstoffarme Atmosphäre wird es weltweit nur geben, wenn bei fossilen Kraftwerken die Kohlenstoffabscheidung umgesetzt wird. Regenerative Energien werden es allein nicht richten. Über deren Kohlenstoffbilanz gibt es ganz unterschiedliche Werte. So kommt ein erheblicher Teil der Siliziumzellen aus China, wo der Strom aus weniger effizienten Kohlekraftwerken stammt, der zu deren Herstellung benötigt wird, ganz abgesehen von den dort herrschenden Arbeitsbedingungen Ob die im deutschen Einsatz ersparte Menge von Kohlenstoff ausreicht, um mindestens einen neutralen „Fußabdruck“ zu sichern, darf bezweifelt werden. Hinzu kommt, dass für die Kohlenstoffbilanz der „Wärmemarkt“ und der Verkehrssektor viel entscheidender sind, als die Stromerzeugung. Die Dämmung von Gebäuden zu fördern dürfte dem Klimaschutz deshalb zuträglicher sein, als so mancher Euro, der den Ausbau der „Erneuerbaren Energie“ unterstützt. Hier ist die Bundesregierung aufgefordert, endlich den Worten Taten folgen zu lassen. Statt das Gebäudeprogramm finanziell zu stutzen ist dessen Ausbau ab spätestens 2012 voranzubringen.

 

 

 

 

Ausdrücklich positiv heben wir die Initiativen im Bereich des Elektro Autos heraus und sehen hierin einen nachhaltigen Beitrag zu Umwelt,- und Ressourcenschonung.

 

 

 

Deutschland, aber auch Europa, braucht eine industriefreundliche Klimapolitik und eine klimafreundliche Industriepolitik. Sie sind die zwei Seiten einer Medaille. Die eine ist ohne die andere nicht denkbar. Eine Klimapolitik, die unserer Industrie die Grundlagen entzieht, wird letztlich der Gesellschaftschaden. Es muss in der öffentlichen Debatte deutlich werden, dass wir weder in Deutschland noch ein Europa autark Klima,,- und Umweltporbleme werden lösen können. Selbst, wenn wir uns vollständig deindustrialisieren, wäre dies nur ein kleines Teilchen im riesigen weltweiten Puzzle der Umweltbelastung.  Aber eine Industriepolitik, die dem Klima nicht nützt, wird ebenfalls scheitern.In diesem Sinne brauchen wir einen neuen gesellschaftlichen und politischen Konsens.

 

Eine industriefreundliche Politik, die Chancen höher bewertet als Risiken und Bedenken bietet die Chance, Vorreiter zu sein bei der Entwicklung von Technologien, die nicht nur bei uns, sondern weltweit ihren Anteil daran haben werden, nachhaltigen Umgang mit Umwelt und Ressourcen Wirklichkeit werden zu lassen und so unseren Kindern und Enkelkindern eine Welt zu hinterlassen, die lebenswert ist. Die Christlich-Sozialen in Gewerkschaften und Politik sind gefordert, ihren Beitrag hierzu zu leisten. Ihnen ist es gelungen, den „Dritten Weg“ aufzuzeigen, der zwischen kommunistischer Staatswirtschaft und kapitalistischer Markteuphorie in eine soziale Zukunft weist. Ihnen wird es deshalb auch gelingen, den Weg der Nachhaltigkeit begehbar zu machen, der zwischen klimaschädlicher Freiheitsideologie und ökologischer Zwangswirtschaft hindurchführt. Wir streiten für eine bessere Zukunft.